Das Nibelungenlied und die Mittelalterliche Literatur

Lesen und Schreiben im Mittelalter? Das war eher was für Adlige und Geistliche als für das einfache Volk. Darum wurde Literatur oft mündlich vorgetragen oder gesungen, wie zum Beispiel der Minnesang oder das Nibelungenlied. Warum aber klingt das oft so komisch? Das Mittelalter ist eben schon lange her und die deutsche Sprache hat sich seitdem verändert. Damit der Einblick in die Literatur des Mittelalters besser nachzuvollziehen ist, wird ein kurzer sprachhistorischer Abriss vorangestellt.

I. Kurzer Überblick über die Deutsche Sprachgeschichte

Alle heute noch lebenden europäischen Sprachen sind - mit Ausnahme des Finnischen und des Ungarischen - indogermanischen Ursprungs: Englisch, Italienisch, Griechisch, Deutsch und Russisch zum Beispiel, ebenso die Hauptsprachen des indischen Subkontinents, z.B. Hindi oder Urdu, auch das Armenische und das Persische gehören der indogermanischen Sprachenfamilie an. Entdeckt wurde die Verwandtschaft um 1820 von dem Berliner Professor Franz Bopp.

Übung: Welche Worte gehören zur indogermanischen Sprachfamilie? (Klicken Sie auf Folie 5 für die interaktive Übung.)

Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/65/Sprachfamilien_der_Welt_%28non_Altai%29.png

Germanischer Akzentwandel und erste Lautverschiebung

Ungefähr im 3. Jahrtausend vor Christus fand ein Differenzierungsprozess der indogermanischen Sprachen statt: Die germanische Sprache bildete sich, wobei "die Germanen" ein Sammelbegriff für viele Völker ist wie z.B. die Goten, die Vandalen usw. Zur Sprachbildung des Germanischen gehörte der Akzentwandel: Während der Akzent bei den Germanen, wie in anderen indogermanischen Sprachzweigen, anfangs noch auf unterschiedlichen Silben liegen konnte – was auch Bedeutungsunterschiede bezeichnete – setzte sich bei ihnen später der dynamische Akzent auf der Stammsilbe durch. Meistens war dies die erste Silbe eines Wortes. Diese Form des Wortakzents gilt bis heute im Deutschen. Die Betonung der Anfangssilbe führte dazu, dass immer mehr germanische Worte gekürzt wurden.
Beispiele:
Lateinisch: róma - románus - romanórum = flexibler Akzent -> zu Deutsch: Váter - Mútter - Brúder = Akzent auf Anfangssilbe
Die erste Lautverschiebung wird datiert auf ca. 500 vor Christus und wurde als Lautgesetz 1822 formuliert von Jacob Grimm - sie wird daher auch Grimm'sches Gesetz genannt. Da kein lateinisches Lehnwort in den germanischen Sprachen die Lautverschiebung mitvollzogen hat, muss diese vor Ausbreitung des Lateinischen in Mitteleuropa ab dem 1. Jh. nach Christus abgeschlossen gewesen sein.
  1. Indogermanische stimmlose Verschlusslaute (p, t, k, ) wurden zu stimmlosen Frikativen (f, þ, h, hw).
  2. Indogermanische stimmhafte Verschlusslaute (b, d, g, ) wurden zu stimmlosen Verschlusslauten (p, t, k, ).
  3. Indogermanische aspirierte Verschlusslaute (, , , gʷʰ) wurden zu stimmhaften Frikativen und dann zu stimmhaften Verschlusslauten (b, d, g, gw, dann w).

Beispiele:

Lateinisch: pes -> Englisch: foot -> Deutsch: F
Lateinisch: tertius -> Englisch: third -> Althochdeutsch: thritto
Lateinisch: canis -> Englisch: hound -> Deutsch: Hund
Lateinisch: frater -> Englisch: brother -> Deutsch: Bruder
Lateinisch: hostis -> Englisch: goose -> Deutsch: Gans

Die Entstehung des Althochdeutschen

Die urgermanische Sprache stellte kein einheitliches System dar: Eine germanische Sprache mit festgelegten Regeln, wie das heutige Deutsch, gab es nicht. Einzelne Stämme der Germanen sprachen ihre eigenen Stammessprachen. Diese Differenzierung vertiefte sich durch die beginnende Völkerwanderung im 3. Jh. nach Christus. So wanderten zum Beispiel im Norden im 5. Jahrhundert die Angeln nach Großbritannien ab und trugen mit ihrer Stammessprache zur Entstehung der englischen Sprache bei. Zur Grundlage des modernen Deutsch wurden die Sprachen der Alemannen, Bayern, Franken, Thüringer, Sachsen und Friesen. Ende des 5. Jh. nach Christus bildete sich mit der zweiten Lautverschiebung das Althochdeutsche.

  1. Germanische Verschlusslaute p, t, k wurden im Althochdeutschen, je nach ihrer Position im Wort, zu den Zischlauten f', s, h, bzw. Affrikaten pf, ts, kh
  2. Germanische Reibelaute ƀ/b, đ/d, ǥ/g, þ wurden zu den althochdeutschen Verschlusslauten p, t, k, d.

Beispiele für den Wandel vom Germanischen zum Hochdeutschen:

germ. ƥinga - erste Bedeutung: Volksversammlungahd. thing: 1. Gericht, Gerichtsbarkeit, Gerichtsverhandlung 2. Sache im Sinne von Streitsache, Rechtssache, Sachverhaltspäter: vielfältig verwendbar im Sinne von Sache, Gegenstand, Angelegenheit, Verhältnis, Lage, Stellung, Grund, Art und Weise … deutsch Ding: eingeschränkt in der Bedeutung im Vergleich zur vorherigen Bedeutungs-Vielfalt.

Germanisch -> Althochdeutsch -> Deutsch
pund (got.) -> pfunt (ahd.) -> Pfund
tiuhan -> ziohan -> ziehen
Hilpan -> helpfan -> helfen
swart (altsächs.) -> swarz -> schwarz
appel (ags.) -> apful -> Apfel
opan -> offan -> offen
Dohter -> tohter -> Tochter
Skip -> skif -> Schiff

Beispiele:

Englisch: sleep -> Niederdeutsch: slapen -> Deutsch: schlafen
Englisch: ship -> Niederdeutsch: Schipp -> Deutsch: Schiff
Englisch: sharp -> Niederdeutsch: sherp -> Deutsch: scharf
Englisch: apple -> Niederdeutsch: Appel -> Deutsch: Apfel
Englisch: eat -> Niederdeutsch: eten -> Deutsch: essen
Englisch: make -> Niederdeutsch: maken -> Deutsch: machen
Englisch: day -> Niederdeutsch: Dach/Dag -> Deutsch: Tag

Wie an den Beispielen deutlich wird, erfasste die Lautverschiebung nicht das gesamte germanische Siedlungsgebiet. Lediglich aus den südlichen westgermanischen Dialekten wurde die althochdeutsche Sprache. Die Grenze dieser Lautverschiebung verläuft von West nach Ost, heute mehr oder weniger am Mittelgebirgsrand; sie wird als Benrather Linie bezeichnet. Die allgemein akzeptierte Grenze zwischen Mittel- und Niederdeutschland, die maken-machen-Linie oder Appel-Apfel-Linie, wird die Benrather Linie genannt, da sie in der Nähe der Düsseldorfer Vorstadt Benrath den Rhein quert.


Die gelben Gebiete der folgenden Karte sind die niederdeutschen, die grünen die oberdeutschen und die türkisen Gebiete sind Übergangsgebiete.

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Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0c/Heutige_deutsche_Mundarten.PNG




Entstehung des Wortes "deutsch"
  • Zunächst Stammesnamen als Bezeichnung: fränkisch, bairisch, welsch (romanisch Sprechende)

  • lat. „theodiskus“ = volks-, volksprachlich (8. Jh. )

  • zugrundeliegendes germanisches Wort: thiot = Volksstamm (siehe auch die Bezeichnung Teutonen)

  • bernahme in das Althochdeutsche: diutisk (erster Beleg 10. Jh.)

  • zunächst für verschiedene germanische Stämme verwendet, später für das ostfränkische Reich

  • Kaiserchronik (1150): „in diutisklant“ - → diutisch → deutsch fest im Gebrauch erst im Hochmittelalter



Beispiele althochdeutscher Literatur

Dank der Christianisierung und dem starken Einfluss des Mönchtums im Mittelalter sind erste althochdeutsche Schriftdokumente aus dem Mittelalter überliefert worden. Daher wird in diesen Schriften auch der starke Einfluss des Lateinischen sichtbar. Viele Worte wurden direkt aus dem Lateinischen in die deutsche Sprache übernommen, wie zum Beispiel klōstar (Kloster, lat. claustrum), munich (Mönch, lat. monachus), scrīban (schreiben, lat. scrībere), scuola (Schule, lat. scōla) oder petersilia (mittelalterliches Latein: pētrosilium) oder der Heilkunst: arzat(er) (Arzt, lat. aus gr.: archiater).

Im Althochdeutschen taucht zum ersten Mal das Wort deutsch in seiner heutigen Bedeutung auf: diot bedeutete im Althochdeutschen Volk und diutisc – volksmäßig, zum eigenen Volk gehörig. Das Wort wurde auch sehr früh in lateinische Quellen in der Form theodiscus übernommen und diente zur Unterscheidung romanischer und germanischer Einwohner des Frankenreiches. Zuerst wurde das Wort nur in Bezug auf die Sprache benutzt; bei Notker von Sankt Gallen finden wir zum Beispiel um 1000 in diutiscun – auf Deutsch. Erst fast ein Jahrhundert später, im Annolied, das um 1090 im Kloster Siegburg entstand, lesen wir von diutischi liuti, diutschi man oder diutischemi lande.

Überliefert ist ein christliches Vater Unser in althochdeutsch genauso wie die aus dem germanisch-heidnischen Kulturraum stammenden Merseburger Zaubersprüche.

Vater unser (8.Jh. n.Chr.) - Handschrift Sankt Gallen (Matthäus VI, 9-13)

Fater unsêr, thû pist in himile,
uuîhi namun dînan, qhueme rîhhi dîn,
uuerde uuillo diin, sô in himile sôsa in erdu.
Prooth unsêr emezzihic kip uns hiutu,
oblâz uns sculdi unsêro,
sô uuir oblâzêm uns sculdîkêm,
enti ni unsih firleiti in khorunka,
ûzzer lôsi unsih fona ubile.

Zweiter Merseburger Zauberspruchexternal image Merseburger_zaubersprueche_farbig.jpg

Phol ende Uuôdan uuorun zi holza.
Dû uuart demo Balderes uolon sîn uuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era suister,
thû biguol en Frîia, Uolla era suister;
thû biguol en Uuôdan sô hê uuola conda:
sôse bênrenkî, sôse bluotrenkî,
sôse lidirenkî:
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelimida sin!

Eine Übersetzung:

Phol und Wodan ritten ins Holz.
Da ward dem Fohlen Balders der Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt (und) Sunna, ihre Schwester.
Da besprach ihn Frija (und) Volla, ihre Schwester.
Da besprach ihn Wodan, wie (nur) er es verstand:
So Knochenrenke wie Blutrenke
Wie Gliedrenke:
Bein zu Bein, Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern, als ob geleimt sie seien! (oder: dass sie gelenkig sind!)

Die Bedeutung des Zauberspruchs: Das verrenkte Bein eines Pferdes oder Fohlens soll geheilt werden. Umstritten sind die Götternamen: Eindeutig identifiziert sind nur „Uuôdan“ (Wodan, Wotan, Odin) und „Frîia“ (Freya, seine Gemahlin).

Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/84/Merseburger_zaubersprueche_farbig.jpg
external image lautsprecher.gifVorgelesen bekommen Sie diesen Merseburger Zauberspruch hier. (Klicken Sie auf Folie 15.)

Die Entstehung des Mittelhochdeutschen

Das Mittelhochdeutsche entstand in der Periode zwischen circa 1000 und 1350 n. Chr. Zu den wichtigsten Änderungen gehörte:
  • Die Abschwächung unbetonter Silben. Vokale in unbetonten Endsilben entwickelten sich zum Schwa-Vokal ([ə]), der e geschrieben wurde.
    Beispiele: althochdeutsch boto -> mittelhochdeutsch bote, althochdeutsch hōran -> mittelhochdeutsch hœren.
  • Der Umlaut kam zur vollen Entfaltung und umfasste jetzt auch lange Vokale und Diphthonge.
    Beispiele: ahd. sālida -> mhd. sælde, ahd. hōhiro -> mhd. hoeher, ahd. gruozjan zu mhd. grüezen.
  • Die Konsonanten b, d, g und h begannen zu verschwinden, wenn sie zwischen Vokalen standen.
    Beispiele: ahd. gitragidi -> mhd. getreide.
  • Der althochdeutsche Konsonant z, der sich aus dem germanischen t entwickelte (vgl. ezzan – engl. eat) fiel mit dem alten, noch aus dem Germanischen stammenden, Konsonanten s zusammen – ezzan“ wurde zu essen.
  • Die althochdeutsche Lautverbindung sk wurde zu sch. So entstand zum Beispiel aus dem althochdeutschen Wort scōni die mittelhochdeutschen schōne und schœne (beide Wörter – schon und schön – haben im heutigen Deutschen dieselbe Herkunft).
  • Der Konsonant s wandelte sich zu sch, wenn er vor l, m, n, w, p, t stand. Diesem Wandel verdanken wir solche mittelhochdeutschen (und heutigen) Formen wie schwimmen, schmerz, schlange, schnē, die aus den althochdeutschen swimmen, smerz, slange und snē entstanden. In der Rechtschreibung war diese Änderung allerdings nicht sofort sichtbar: zuerst wurde im Mittelhochdeutschen zum Beispiel swimmen geschrieben und schwimmen gesprochen. Bei den Buchstabenverbindungen st und sp ist der Unterschied zwischen der Aussprache und Schreibweise bis heute geblieben – vgl. die Aussprache der Wörter stehen, spielen.

II. Das Mittelalter: Die Epoche

Politischer und sozialer Kontext:

Die Literatur des Hochmittelalters war geprägt vom ständischen Feudalsystem, von höfischer Kultur und dem Ideal der Ritterlichkeit. Der König als Lehensherr gab seinen Fürsten Land als Lehen, die ihm im Krieg zu Gefolgschaft verpflichtet waren. Das Land wurde von den Bauern bewirtschaftet, die als Leibeigene von den Fürsten abhängig waren. Die Kirche war selbständig und um die Vorherrschaft im Staat stritten sich König und Papst. Dieser Streit wurde im Hochmittelalter durch die Kreuzzüge zeitweise zurückgedrängt. Erst im Spätmittelalter erstarkt die weltliche Macht der Könige und mit dem Aufkommen des Bürgertums und dem Blühen von Handwerk und Handel entstehen die Grundlagen für die Nationalstaatsbildung der Neuzeit.

Literatur im Mittelalter:

Erstmals werden Autoren namentlich bekannt. Unter ihnen sind die bekanntesten Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg und Walther von der Vogelweide, einer der alten Meistersinger. Ihr Werk berichtet nicht von persönlicher Erfahrung, sondern typisiert das höfisch-ständische Gesellschaftsmodell, gegründet im christlichen Weltbild. Heldenepen haben Konjunktur und Rittertugenden. Zu diesen gehören:
  • hoher muot: seelisches Hochgestimmtsein
  • zuht: Anstand, Wohlerzogenheit
  • mâze: Mäßigung der Leidenschaften
  • êre: Ansehen, Geltung, Würde
  • triuwe: Treue, Aufrichtigkeit
  • stæte: Beständigkeit, Verlässlichkeit
  • milte: Freigebigkeit.

Bekannte höfische Ritterepen thematisieren Stoffe, die bis heute bekannt geblieben sind, zum Beispiel
  • die unglückliche Liebe zwischen Tristan und Isolde,
  • zwischen Parzival und Guinivere
  • oder das Nibelungenlied.

II. Minnedichtung


Die Minnedichtung entsteht unter dem Einfluss höfischer Kultur der Provence: Die Troubadours, die höfischen Sänger, verbreiten zwei Auffassungen von Liebe, eine christliche Liebe als ethisch-religiöse Macht und eine erotisch-sexuelle Liebe. Minnelyrik wurde zur Laute gesungen und enthält üblicherweise die Liebeserklärung eines Ritters an eine – meist verheiratete – Adlige und ihre Schönheit und Tugend sowie die Klage über die Unerfüllbarkeit dieser Hoffnung und - damit zusammenhängend - über den Konflikt zwischen geistiger Liebe und Sinnlichkeit. Minnegesang war eine Art höfischer Sport: Er wurde bei Hoffesten vorgetragen und die Anwesenden versuchten zu erraten, wer die Angebetete war. Neben dem Unterhaltungseffekt diente der Minnesang aber auch der Idealisierung der Werte Selbstüberwindung und Verzicht: Das Wort Minne kommt vom lateinischen memini = ich erinnere, wogegen Liebe vom indogermanischen lubh = begehren hergeleitet wird. Einer der bekanntesten deutschen Minnedichter war Walther von der Vogelweide (ca. 1170-1230). Im Unterschied zum ersten Lied gehört das zweite nicht zur Minne-, sondern zur politischen Dichtung und beklagt die Rechtsunsicherheit im Reich, der nur ein starkes Königtum und nicht der Papst abhelfen könne.


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III. Das Nibelungenlied

Das Nibelungenlied ist eines der bedeutendsten Heldenepen, die aus dem Mittelalter überliefert sind. Es gehört zu den einflussreichsten Texten, deren Rezeption über die Verarbeitung durch Richard Wagner in seinem Opern-Zyklus "Der Ring" bis hin zum Germanen-Kult der Nationalsozialisten führt. Filmgeschichte schrieb Fritz Lang mit seinem 1924 inszenierten zweiteiligen Film "Die Nibelungen". Doch worum geht es überhaupt im Nibelungenlied?

Der Inhalt: Sex & Crime

Der strahlende Held Siegfried tötet den Drachnen Fafner, badet in seinem Blut und wird dadurch unverwundbar - bis auf eine kleine Stelle an seiner Schulter. Von Fafner erbeutet er den Goldschatz "Nibelungenhort" und das Schwert Balmung. Heiraten will er Kriemhild, die Schwester des Wormser Königs Gunther. Der willigt nur in die Hochzeit ein, wenn Siegfried ihm hilft, Brunhild zu heiraten, die nur den Sieger in einem Wettkampf heiraten will. Siegfried kämpft an der Stelle Gunthers mit einer Tarnkappe - und gewinnt. Nach der Hochzeit raubt Siegfried Brunhildes Ring und Gürtel. Das soll sich rächen, denn Jahre später, als Siegfried und Kriemhilde schon längst in Xanten leben, beschliessen Brunhilde und Gunther, Siegfried zu töten: Das schmutzige Geschäft erledigt ihr Gefolgsmann Hagen von Tronje mit einem Schwertstich an jener einzigen verwundbaren Stelle, der Schulter Siegfrieds. Geld ist Macht - um Kriemhild an einer politischen Verschwörung zu hindern, indem sie sich mit dem Goldschatz Siegfrieds Verbündete kauft, stiehlt Hagen von Tronje Siegfrieds "Nibelungenhort" und versenkt ihn im Rhein. Siegfrieds Witwe Kriemhild heiratet den Hunnenkönig Etzel und lädt ihre Wormser Verwandten ein, um sie aus Rache für den Mord an ihrem ersten Ehemann umzubringen. Nur ihren Bruder Gunther und Hagen von Tronje lässt sie am Leben, weil sie in ihrer Geldgier unbedingt von ihnen wissen will, wo der Goldschatz im Rhein liegt. Doch die beiden schweigen - und Kriemhild schlägt beiden den Kopf ab. Das Blutband endet mit ihrem Tod: Ein Gefolgsmann ihres Bruders tötet sie und rächt Gunthers und Hagens Tod.


1) Die Ermordnung Siegfrieds und 2) Kriemhild wird zu ihrem zweiten Ehemann, Hunnenkönig Etzel, geführt.
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Quellen:
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2b/Nibelungenlied_manuscript-k.jpg | http://downloads.staatsbibliothek-berlin.de/downloads/aderlass/855.jpg

Zwei Versionen des Anfangs des Nibelungenliedes aus zwei verschiedenen Handschriften:

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nû wunder hœren sagen.

Übertragung:
Uns wird in alten Erzählungen viel Wunderbares berichtet,
von rühmenswerten Helden, großer Kampfesmühe,
von Freuden, Festen, von Weinen und von Klagen;
von den Kämpfen kühner Helden könnt ihr nun Wunderbares erzählen hören.


Ez wuohs in Burgonden ein vil edel magedîn,
daz in allen landen niht schoeners möhte sîn,
Kriemhild geheizen. Si wart ein schoene wîp.
dar umbe muosen degene vil verliesen den lîp.


Übertragung:
Es wuchs im Burgundenland eine Prinzessin auf
so schön, dass es auf der ganzen Welt nichts Schöneres geben könnte,
Kriemhild genannt. Sie wurde eine schöne Frau.
Deswegen mussten viele Helden das Leben verlieren.

external image lautsprecher.gifBei Librivox können Sie sich das komplette Nibelungenlied in einer hochdeutschen Adaption anhören.

Der Kontext

Die Nibelungensage geht auf die germanische Völkerwanderung zurück und auf die Zerschlagung des Burgunderreichs um das heutige Worms herum: Um ca. 450 nach Christus zerstörten es die Römer mit Hilfe der Hunnen. Die in 39 Aventuiren geschilderten Ereignisse haben möglicherweise einen historischen Kern, sind aber nicht zu rekonstruieren und tragen deutlich dichterisch-fiktiven Charakter. Die zentralen Themen sind Intrige, Hasse, Rache und Mordlust.

Das Nibelungenlied ist in 34 bruchstückhaften Handschriften überliefert, entstanden ist es vermutlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der anonyme Autor wird im Süddeutschen angesiedelt. Er gestaltet die germanische Heldensage aus vierzeiligen Strophen mit paarweisen Endreimen (Nibelungenstrophe). Das Nibelungenlied ist sehr umfangreich: Je nach Fassung umfasst es zwischen 2300 bis 2400 Strophen. Erst im 19. Jh. wurde das jahrundertelang vergessene Nibelungenlied im Zuge der Mittelalter-Begeisterung nue entdeckt und veröffentlicht.

Auch in der politischen Welt hinterließ das Nibelungenlied seine Spuren: Am 29. März 1909 prägte Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow in Bezug auf das Verhältnis zwischen dem Deutschen Reich und der Donaumonarchie den Begriff "Nibelungentreue". Und mit dem berühmten Diktum vom "Dolchstoß" der revolutionierenden Arbeiter, die die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg zu verantworten hätten, spielte General Paul von Hindenburg 1919 auf die Ermordung Siegfrieds durch Hagen von Tronje an.

Infolge der Inanspruchnahme durch den Nationalsozialismus war der Nibelungenstoff lange geächtet, wurde jedoch im Zuge der Beliebheit der Fantasy-Literatur wieder populär. (Vgl. Tolkiens "Ring"-Motiv.) 2009 wurde das Nibelungenlied sogar in das Register des UNESCO-Weltdokumentenerbes aufgenommen.

Für alle weitergehend Interessierten gibt es bei Youtube eine interessante Dokumentation über die Nibelungensage in mehreren Teilen.










Präsentation:



Literaturverzeichnis:

Brunner, Horst: Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters im Überblick. Stuttgart: Reclam (2010, 3. Auflage)
Grafen, Gabriele/Liedke, Martina: Germanistische Sprachwissenschaft. Deutsch als Erst-, Zweit- oder Fremdsprache. Tübingen: Francke/UTB (2008).
Literaturgeschichte des Mittelalters: http://www.pohlw.de/literatur/epochen/ma.htm
Deutsche Sprachgeschichte bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Sprachgeschichte
Nibelungenlied bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Nibelungenlied#.C3.9Cberlieferung
Online-Kurs zur Sprachgeschichte der Universität Essen: http://www.linse.uni-due.de/linkolon/sprachgeschichte/flash/sprachgeschichtestart.html
Originaltext des Nibelungenliedes online: http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/12Jh/Nibelungen/nib_intr.html
Portal zur mittelalterlichen Literatur Mediaevum: http://www.mediaevum.de
Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttart: Reclam (1997).
Überblick über die deutsche Sprachgeschichte mit literarischen Beispielen: http://www.stefanjacob.de/Geschichte/Unterseiten/Hauptseite.php?Seite=Startseite.php